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Thema der Woche 29. KW 2010

Der Online-Brief ist auf dem Vormarsch

von Susanne Görsdorf-Kegel, freie Journalistin, Hamburg

Die Deutsche Post und eine Gruppe um die Deutsche Telekom (De-Mail) haben ein Wettrennen um Nutzer von Online-Briefen begonnen. Die Post hat durch die jüngste Einführung ihres E-Postbriefs aktuell die Nase vorn – allerdings zu relativ hohen Preisen.

Die Einführung elektronischer Briefe stellt eine Reaktion auf die immer größere Verbreitung von E-Mails als bevorzugter Kommunikationsform im Geschäftsleben und zunehmend auch im Privatbereich dar. Denn die Zeiten, in denen man zumindest seiner Großmutter nur per Hand und nicht etwa mit der Schreibmaschine oder dem PC verfasste Briefe schicken sollte, dürften mittlerweile der Vergangenheit angehören: Auch Omas mailen jetzt lieber.

Grundlage des neuen Angebots ist, dass E-Mails nicht als sicherer Kommunikationsweg gelten, auch wenn es mittlerweile möglich ist, Dokumente und Fotos über sie zu verschicken. Der massenhafte weltweite Handel mit E-Mail-Adressen hat das Verstopfen von E-Mail-Postfächern mit Spam-Mails zu einem ernsthaften Problem werden lassen. Spamfilter verschärfen das mitunter noch zusätzlich, weil sie auch erwünschte Mails abfangen.

Deshalb will der Bundestag auf Betreiben der Europäischen Union noch bis zum Jahresende das sogenannte „De-Mail-Gesetz“ verabschieden, das die Grundlage für die standardisierte rechtssichere digitale Kommunikation sowie für Datenschutz und Datensicherheit regelt. Nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes soll ein Gemeinschaftsprojekt der Bundesregierung mit der Deutschen Telekom und dem Unternehmen United Internet, zu dem die beiden Online-Provider GMX und Web.de gehören, starten.

Vorpreschen mit Zwitterform

Bereits jetzt können sich interessierte Nutzer über die Websites der beteiligten Firmen eintragen und sich ihre De-Mail-Adresse schicken lassen. Der Grund für diese Eile liegt darin, dass die Deutsche Post bereits mit einem eigenen Produkt am Markt ist. Der E-Postbrief ist rechtlich ein Hybridbrief, weil es das neue Gesetz ja noch nicht gibt. Er kann auf Wunsch als E-Mail losgeschickt und als ausgedruckter Brief empfangen werden, wenn der Empfänger beispielsweise keinen Internetanschluss hat. Aber auch die Zustellung an eine E-Mail-Adresse ist möglich. Damit dies in Anspruch genommen werden kann, müssen Absender und Empfänger zunächst ein aufwendiges Anmeldungs- und Postident-Verfahren durchlaufen. Danach können und müssen sich alle Nutzer eindeutig identifizieren und den Empfang bestätigen – Spam hat keine Chance mehr.

Einen Preisvorteil haben die Teilnehmer an dem Verfahren nicht – der E-Postbrief kostet mit 55 Cent so viel wie ein normaler Brief. Immerhin ist der Empfang kostenlos. Für mehr als vierseitige Briefe und Einschreiben fallen Zusatzkosten an. Insofern kannibalisiert sich die Post nicht selbst, sondern bietet ihren Kunden lediglich eine Variante an, mit der diese bequem und schnell von zu Hause oder vom Arbeitsplatz aus wichtige Mitteilungen und Dokumente verschicken können.

Die De-Mail-Gruppe will warten, bis das neue Gesetz in Kraft ist und dann ihr Angebot auf den Markt bringen. Es soll nach ersten Ankündigungen deutlich günstiger sein als das der Post und etwa bei 15 Cent liegen, zusätzliche Einschreibegebühren erübrigen sich, da nachgewiesen werden kann, dass die Mail angekommen ist. Vorgesehen ist der ausschließliche Austausch zwischen zwei E-Mail-Empfängern.

Experten warnen vor Sicherheitslücke

So sicher, wie es die Anbieter versprechen, ist der elektronische Brief nach Ansicht vieler Kritiker jedoch nicht. Denn während der Übermittlung werden die elektronischen Briefe aus technischen Gründen für kurze Zeit entschlüsselt. Zwar werden sie unmittelbar danach wieder verschlüsselt, Hacker haben jedoch in dem kurzen Moment der fehlenden Verschlüsselung die Möglichkeit, die Briefe zu lesen und zu manipulieren.

Die Anbieter sehen die kurzzeitige Dechiffrierung dagegen nicht als Problem. Die Server entsprächen staatlich überprüften Sicherheitsstandards und seien abgeschottet. Niemand könne daher die Online-Briefe lesen oder verändern.

Kostenlose Registrierung soll Kunden anlocken

Sowohl die Deutsche Post als auch die De-Mail-Gruppe werben jetzt in der Anfangsphase mit einer kostenlosen Anmeldung und Registrierung. Später könnte dies jedoch möglicherweise einen einstelligen Eurobetrag kosten. Hinter dieser Großzügigkeit steckt das Ziel, möglichst schnell möglichst viele Kunden zu gewinnen, damit sich das neue Angebot rentiert – deshalb muss die Gruppe um die Telekom auch jetzt schon aktiv werden, obwohl De-Mail noch gar nicht auf dem Markt ist.

Die wichtigste Zielgruppe des neuen elektronischen Briefs sind Unternehmen und Behörden, die täglich große Mengen an Post versenden. Allerdings werden sie nur dann mitmachen, wenn es genügend eingetragene Empfänger gibt. Für diese hat das Angebot allerdings einen Haken: Sie müssen regelmäßig in ihr Postfach schauen. Dies gilt auch im Urlaub, wenn die Kunden nicht Fristen versäumen wollen – eine Lagerung mit aufschiebender Wirkung gibt es nicht.

Sicher keine Zielgruppe sind nach wie vor die Versender von Liebesbriefen, auch wenn es nützlich und desillusionierend sein kann, mit Gewissheit festzustellen, dass der Brief tatsächlich angekommen ist und das Schweigen des Empfängers andere Gründe hat …