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Top-Thema 08/2014

Damit Lehrstellen keine Leerstellen bleiben

Die Zahl der jungen Menschen, die sich für eine klassische Berufsausbildung im dualen System aus Lehrstelle und Berufsschule entscheiden, ist seit Jahren rückläufig: 2013 schlossen 525 300 Jugendliche einen Ausbildungsvertrag ab, 1999 waren es noch mehr als 635 000. Analysen des Bundesinstituts für Berufsbildung BIBB zum Bildungsverhalten von Jugendlichen bestätigen, dass das Interesse an der dualen Berufsausbildung immer weiter zurückgeht. Unternehmen, die Nachwuchskräfte für sich gewinnen wollen, müssen ihr Ausbildungsangebot attraktiv und zielgruppengerecht vermarkten.

© bluedesign - fotolia.comZahlreiche Studien belegen, dass junge Leute sich bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz heute kritisch und selbstbewusst zeigen. Eine aktuelle Umfrage des Ausbildungsspezialisten U-Form Testsysteme ergab beispielsweise, dass Schulabgänger im Schnitt aus drei Angeboten wählen können. Hoch im Kurs stehen dabei Ausbildungsangebote, die Spaß und Erfüllung versprechen und sich mit den persönlichen Wertvorstellungen der jungen Menschen decken. Auch Jobsicherheit, ein gutes Betriebsklima und attraktive Weiterentwicklungsmöglichkeiten, sind Trümpfe, mit denen Arbeitgeber punkten können. 

Insbesondere Unternehmen, die Abiturienten als Auszubildende für sich gewinnen wollen, müssen eine überzeugende Alternative zum Hochschulstudium bieten, denn rund jeder zweite Abiturient wechselt mittlerweile nahtlos aus dem Klassenzimmer in den Hörsaal.  Diese Möglichkeiten sollten Ausbildungsbetriebe mit unbesetzten Lehrstellen für sich prüfen:

  • Duales Studium: Die Kombination aus Hochschulabschluss und praktischer Ausbildung erfreut sich steigender Beliebtheit. Seit 2007 stieg die Zahl der dual Studierenden um mehr als 20.000 auf rund 65.000 an. Auch die Zahl der Betriebe, die diese Kombination aus praktischer Ausbildung im Betrieb und Hochschulstudium ermöglichen, stieg deutlich auf rund 45.000. Passende Studiengänge werden bundesweit an rund 200 Hochschulen angeboten. So geht’s: Bewerber schließen einen Ausbildungsvertrag mit einem Unternehmen und verpflichten sich, in der studienfreien Zeit im Betrieb zu arbeiten. Dafür erhalten sie während der kompletten Ausbildung – auch in den Vorlesungszeiten – eine Ausbildungsvergütung (Richtwert rund 800 – 1.200 €/Monat). Rund 80 Prozent der Absolventen bleiben nach der Ausbildung im Betrieb.

  • Zusatzqualifikation für Führungsnachwuchs: Um gezielt Auszubildende mit Abitur zu gewinnen, können Unternehmen ihnen eine kombinierte Aus- und Weiterbildung zum Handelsassistenten oder Betriebsassistenten anbieten. Die betriebswirtschaftliche Weiterbildung für Handel oder Handwerk darf bei entsprechendem Schulabschluss parallel zur dualen Ausbildung absolviert werden und bereitet auf Führungsaufgaben im mittleren Management vor, beispielsweise als Team- oder Abteilungsleiter.

  • Auslandsaufenthalt: Laut Berufsausbildungsgesetz können Auszubildende seit dem Jahr 2005 bis zu einem Viertel ihrer regulären Ausbildungszeit im Ausland verbringen, wenn das dem Ausbildungsziel dient (§ 2 Abs. 3, § 76 Abs. 3 BBiG). Während dieser Zeit ist der Ausbildungsbetrieb verpflichtet, das Ausbildungsgehalt weiter zu zahlen. Ein Rechtsanspruch darauf besteht zwar nicht, doch Arbeitgeber, die ihre Azubis aktiv bei der Suche nach Auslandspraktika unterstützen, sich an Reisekosten oder Sprachkursen beteiligen oder sogar gezielt mit geeigneten Unternehmen im Ausland zu Ausbildungszwecken kooperieren, sammeln im Wettbewerb um junge Talente entscheidende Pluspunkte und profitieren von aufgeschlossenen, motivierten und weltoffenen Nachwuchskräften.

  • Eigene Projekte: Fast immer schätzen es junge Leute, wenn man ihnen etwas zutraut und sie eigenverantwortlich und selbstbestimmt arbeiten lässt. Viele Unternehmen ermöglichen ihren Auszubildenden deshalb, sich in Projekten zu engagieren. Das fördert nicht nur die Motivation und schult das Verständnis für unternehmerische Zusammenhänge. Zugleich trainiert der Nachwuchs dort auch wichtige Soft Skills wie Teamfähigkeit, Organisationstalent, Führungs- und Verhandlungsgeschick. Beispiele: Beim Automobilbauer Daimler werden Auszubildende für 4 bis 12 Wochen in der eigenständigen Azubi-Firma eingesetzt und erwirtschaften dort reale Umsätze mit Servicetätigkeiten für alle Bereiche des Unternehmens. Ähnliche Projekte gibt es auch im Mittelstand – Bei diversen Banken, Sparkassen oder Handelsunternehmen leiten Azubis eigenständig eine Filiale, darunter beispielsweise Aldi Süd, Targobank, Douglas oder die Mayersche Buchhandlung.

  • Social Networks: Junge Menschen kommunizieren heute bevorzugt über Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Pinterest. Um potenzielle Bewerber von den Vorzügen einer Ausbildung im eigenen Betrieb zu überzeugen, bietet es sich an, die eigenen Azubis hier offen und authentisch zu Wort kommen zu lassen. Beispiel: Seit Ende 2012 betreiben die Auszubildenden der Wiedemann-Gruppe, ein technischer Großhändler aus Sarstedt mit rund 1.100 Mitarbeitern, die Seite www.facebook.com/WIEDEMANN.Azubis. Seither stieg die Zahl der Bewerbungen für Ausbildungsplätze bei dem Familienunternehmen um rund zehn Prozent. Ganz entscheidend: Es gibt keine Vorabkontrolle und keine Zensur, das Unternehmen vertraut seinen Auszubildenden. Zu Recht: In zwei Jahren musste nach Angaben des E-Commerce- und Internetverantwortlichen nur ein einziger Artikel wegen möglicher rechtlicher Probleme gelöscht werden.

Weiterführende Links zum Thema:

Informationsseite zum Dualen Studium: www.duales-Studium.de

Infos zum Handelsassistenten: http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/docroot/r1/blobs/pdf/bkb/6533.pdf

Infos zum Betriebsassistenten:

http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/docroot/r1/blobs/pdf/bkb/6025.pdf

Infos zur Auslandsmobilität während der Ausbildung:

http://www.dihk.de/themenfelder/aus-und-weiterbildung/bildung-international/auslandsaufenthalte-waehrend-der-ausbildung

http://www.mobilitaetscoach.de/

Daimler-Azubifirma:

http://www.juniorenfirma.de/infomappe/upload/13.pdf?PHPSESSID=50eef1dbd6e44b5092d2

Azubis@Facebook bei Wiedemann:

www.facebook.com/WIEDEMANN.Azubis

Autor: Autorin: Dipl. Kffr. Kirstin von Elm, Fachjournalistin für Wirtshaftsthemen, Mönkeberg
Foto: © bluedesign - Fotolia.com